Der Chronist im Bischofskleid

Merseburger Dom © Copyright Karl-Heinz Hänel

Über dem Eingangsportal des Merseburger Dom © Copyright Karl-Heinz Hänel

Im Merseburger Dom auf Thietmars Spuren ins Mittelalter

Thiedmar vom Merseburger Dom © Copyright by Karolin Donst, Tangermünde

Bischof Thiedmar von Merseburg  Wikipedia © Copyright by Karolin Donst, Tangermünde

„… Da siehst du in mir ein  kleines Männlein, die linke Wange und Seite entstellt…

Meine in der Kindheit gebrochene Nase gibt mir ein lächerliches Aussehen. Über alles würde ich nicht klagen, hätte ich innere Vorzüge. Aber ich bin nichtswürdig, sehr jähzornig und unlenksam zu Guten, habsüchtig, spottlustig… Niemand schone ich, wie es meine Pflicht wäre. Ich bin ein Schlemmer und Heuchler, Geizhals und Verleumder und zum Schluss dieser mir zu Recht zugeschriebenen Laster: Ich bin schlimmer als man zu sagen  und zu glauben mag.“ So beschrieb Bischof Thietmar von Merseburg (975-1018) sein Selbstbildnis in seiner berühmten Chronik aus dem Mittealter. Die Brunnenfigur im Kreuzgang des Doms unterstreicht die Einschätzung. Schon Mitte dreißig wirkt Thietmar als gebeugter Greis.

Seine Wirkungsstätte, der Dom, ist auch  Schauplatz der Sonderausstellung „Thietmars Welt. Ein Merseburger Bischof schreibt Geschichte“. Sie findet als Beitrag zum  100. Todestag und zum Kulturerbejahr vom 15. Juli bis 4. November statt.

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Der Merseburger Dom aus dem 3-D-Drucker  © Copyright K.-H. Hänel ModelRelease

Dom- und Museumführerin  Beate Tippelt vor einem digital gedrucken Model des Domes.

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Wertvolle Kunst im Merseburger Dom © Copyright Karl-Heinz Hänel

Eine Fülle von Leihgaben wertet den ohnehin reichen Fundus der kulturhistorischen  Sammlung  auf. Sie kündet von pompösen Kaiserkrönungen und Hoftagen, aber auch vom Alltag der Bürger, Handwerkerund Bauern, von  Krankheiten, Nöten und Gefahren, häufig begleitet von Thietmars Zitaten wie zur Grundsteinlegung des Doms: „Inzwischen wurde in Gegenwart von Erzbischof Gero mit dem Bau unserer Kirche begonnen. Ich selbst legte am  18. Mai 1015 in Form des heiligen Kreuzes die Grundsteine“.

Zum  Besuch Kaiser Heinrich II.: „ Heinrich II. aber kam am 1. Oktober 1017 nach Merseburg; hier erhob er den Abt Ekkehard von Nienburg zum Hirten der Prager Kirche und ließ ihn am 1. November mit meiner Einwilligung durch Bischof Erkan bald weihen…

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Wertvoll: Ein Ottomantel im Merseburger Dom © Copyright Karl-Heinz Hänel

Bei seiner Abreise schenkte uns der Kaiser drei Chormäntel und eine silberne Kanne. Ferner verlieh er mir die drei Kirchen in Leipzig, Ölschütz und Geusa und weiter ließ er in diesem Frühjahr einen goldenen Altar zum Schmuck unserer Kirche anfertigen, zu dem ich vom Ertrage unseres alten Altars 6 Pfund Gold beisteuerte.“

Die Aufhebung des Bistums Merseburg traf Thietmar hart.  „…Merseburg, das bis dahin  einen  freien Herrn hatte, wurde nun der Halberstädter Kirche unterstellt, und Giselher nicht sein  Hirt, sondern ein stets auf Emporkommen erpichter Krämer, erreichte nun am 10. September sein  Ziel ohne an den Spruch zu denken: „ Je höher die Treppe umso tiefer der Fall.“  Er formulierte auch seine  Grabinschrift: „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin: der ehrwürdige Herr, der heilige Bischof Thietmar. Mit Herz, Hand und Zunge berichtet die Chronik Thietmars, was die rechtschaffenden tun, wissen und lehren sollen.“

Wer auf den geschichtsträchtigen Spuren wandeln will, sollte sich Kunigunde anvertrauen. Die manchmal in die Kleider der Kaiserin schlüpfende leitende Merseburger Dom- und Museumführerin Beate Tippelt lotst die Besucher informativ und humorig durch das Programm. Sie plaudert aus ihrem Ehealltag mit Heinrich II. und deklamiert

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„Kunigunde“ vor den Zaubersprüchen  © Copyright K.-H. Hänel ModelRelease

die legendären „Merseburger Zaubersprüche“ (10. Jahrhundert) in gesungenem Althochdeutsch. Sie lagern im Handschriftengewölbe der Domschatzkammer im Kapitelhaus und sollten in vorchristlicher Zeit Gefangene aus ihren Fesseln befreien und bei  Pferdebeinlähmung heilen helfen.

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Grabmal Rudolfs von Schwaben © Copyright K.-H. Hänel ModelRelease

Das Grabmal Rudolfs von Schwaben genau im Kreuzungspunkt von Quer- und Langhaus

Ein Juwel im Merseburger Dom ist die romanische Bibel (13. Jh.).  Die Genesis oder die Josephsgeschichte sind in  leuchtenden Farben illustriert. Schaurig wird es drunten in der Fürstengruft. 37 reichverzierte Särge sind in drei mittelalterlichen Kapellen beigesetzt.

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Hand des Rudolf von Schwaben im Merseburger Dom © Copyright Karl-Heinz Hänel

Zu den Domschätzen zählt auch die mumifizierte Hand des Rudolf von Schwaben mit Etui.

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Die Ladegastorgel im Merseburger Dom © Copyright Karl-Heinz Hänel

Die mächtige Ladegastorgel (81 Register, vier Manuale) dominiert das Kirchenschiff.

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Die Ladegastorgel im Merseburger Dom © Copyright Karl-Heinz Hänel

1853-57 erbaut, war sie die größte ihrer Art.

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Die Ladegastorgel im Merseburger Dom © Copyright Karl-Heinz Hänel

Bis heute gilt sie Paradeinstrument der Orgelspielerelite.

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Die Ladegastorgel im Merseburger Dom © Copyright Karl-Heinz Hänel

Künstler aller Kontinente gastieren bei den „Merseburger Orgeltagen“ und wollen nichts sehnlicher, als einmal die Orgel spielen.

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Die Ladegastorgel im Merseburger Dom © Copyright Karl-Heinz Hänel

Die 48. Folge (8.-16. September 2018)  ist dem Schöpfer des Instruments zu seinem 200. Geburtstag gewidmet. Friedrich Ladegast aus dem benachbarten  Weißenfels, der schon mehrere Dorforgeln gebaut hatte, revolutionierte mit der Merseburger die Szene. Aufgeführt werden u.a. Johann Sebastian Bachs „Matthäuspassion“ nach Felix Mendelssohn Bartholdy, Haydens Oratorium „Die Jahreszeiten“,  Mendelssohn „Elias“ sowie Kompositionen von Franz Liszt.

Merseburger Dom © Copyright Karl-Heinz Hänel

Im Glockenturm des Merseburger Domes © Copyright Karl-Heinz Hänel

Als Schmankerl spendierte Kunigunde noch einen Aufstieg in den Glockenturm und zur Aussichtsplattform,  44 Meter hoch über den Dächern und Türmen der historischen Merseburger Altstadt mit idealer Aussicht auf das Saaletal.

Markus Cottin vom Merseburger Dom © Copyright Karl-Heinz Hänel

Markus Cottin Leiter Merseburger Domstift Archiv ©Copyright K.-H. Hänel ModelRelease

An einigen Steinsäulen des Kreuzganges finden sich Wetzrillen, im Volksmund gelegentlich als die Hinterlassenschaften von Teufelskrallen gedeutet. Hier von Markus Cottin, dem Leiter des Domstiftarchis und der Domstiftungsbibliothek, veranschaulicht. Wikipedia hat gleich mehrere Interpretationen parat:“Zahlreiche Erklärungen zur Entstehung der Rillen und Näpfchen wurden bisher vorgebracht, etwa abergläubische Vorstellungen, das Wetzen und Schärfen von Waffen und Werkzeugen, oder die Gewinnung von Steinpulver zu abergläubischen oder volksmedizinischen Zwecken. Es gibt aber auch eine profane Erklärung: Im Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert vor der Einführung der Zündhölzer wurde mit Schlageisen oder Feuerstahl Feuer gemacht. Am Sandstein der Kirchen schlug man damit Funken, die zusammen mit Zunder entflammt wurden. So entzündeten die Kirchgänger ihre Laternen für den Heimweg.“ Quelle: Wetzrillen bei Wikipedia

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Alte Schriften im Merseburger Dom © Copyright Karl-Heinz Hänel

Der Bischof arbeitete wie besessen, beschäftigte acht Schreiber mit der Niederschrift,  korrigierte  aber jede Seite eigenhändig. Die ersten vier Bücher beschreiben die Ottonenzeit, die vier weiteren Heinrich II. bis zu Thietmars Tod. Bis auf wenige Seiten verbrannten die  Originale beim Bombenangriff 1945 auf Dresden.

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Alte Schriften im Merseburger Dom © Copyright Karl-Heinz Hänel

Ein hochwertiges  Faksimile von 1905 bewahrte die einzigartige Dokumentation über das ostfränkisch-deutsche Reich vor der Vergessenheit.

Text © Copyright: Karl-Hugo Dierichs Fotos © Copyright: Karl-Heinz Hänel

Sehr empfehlenswert ist der Guide:
Dom und Schloss zu Merseburg aus dem Deutschen Kunstverlag München Berlin

Sonst noch auf der Straße der Romanik und der Weinstraße Saale-Unstrut

Mit freundlicher Unterstützung von www.saale-unstrut-tourismus.de

Über Karl-Heinz Hänel

Karl-Heinz Hänel ist freier Reise- u. Bild-Journalist, betreibt Storytelling online und zeichnet redaktionell verantwortlich Nach mehrjähriger Mitarbeit für die TV-Sender ARD und ZDF, sowie für internationale Bildagenturen, wechselte der studierte Dipl.- Kommunikations-Designer und Landschaftsfotograf 1995 in den Reisejournalismus, nachdem ihn zunächst nach einer Standortsuche das Thema Toskana nicht mehr los lies. 2004 veröffentlichte GEO-Saison für Geniesser Toskana eine Reportage über seine Spurensuche in der Val d'Orcia. 2006 entwickelte Karl-Heinz Hänel das Online-Reisemagazin speziell für Italien-Liebhaber und Genießer http://www.Paradies-Italien.de , 2008 das Portal http://www.Liebhaberreisen.de und 2013 folgte der Blog http://Blog.Liebhaberreisen.de
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