Die Frau, die das Happy-End erfunden hat

Hedwig-Courths-Mahler-Archiv © Copyright Karl-Heinz Hänel

im Hedwig Courths-Mahler-Archiv in Nebra © Copyright Karl-Heinz Hänel

Hedwig Courths-Mahler: Deutschlands erfolgreichste Schriftstellerin

Heimatmuseum Nebra mit Hedwig-Courths-Mahler-Archiv © Copyright Karl-Heinz Hänel

Heimatmuseum Nebra mit Hedwig Courths-Mahler-Archiv © Copyright Karl-Heinz Hänel

Sie wuchs als nichteheliches Kind in einer Pflegefamilie auf, besuchte nur unregelmäßig die
Schule und schrieb als Deutschlands erfolgreichste Schriftstellerin Literaturgeschichte: Hedwig Courths-Mahler (1867-1950), von ihren Lesern hoch verehrt und von der Kritik als Verfechterin seichter Trivialliteratur abgestraft. 208 Romane und Novellen mit einer geschätzten Auflage von mehr als 80 Millionen Exemplaren künden von Liebe, Leidenschaft und Leid. Sie fesseln mit Nachdrucken im Heftformat noch heute ein breites internationales Publikum.

Heimatmuseum Nebra mit Hedwig Courths-Mahler-Archiv © Copyright Karl-Heinz Hänel

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Das „Hedwig Courths-Mahler-Archiv“ im Museum der sächsischen Kleinstadt Nebra (Kreis Querburg) hütet Lebenswerk & Nachlass der Bestseller-Autorin.

Hedwig-Courths-Mahler-Archiv © Copyright Karl-Heinz Hänel

im Hedwig Courths-Mahler-Archiv © Copyright Karl-Heinz Hänel

Das kleine aber feine Archiv im Heimathaus von Nebra schwelgt von überbordender Erinnerungskultur. Wohin man auch blickt, Courths-Mahler ist allgegenwärtig. Nicht nur die umfangreichste Sammlung ihrer Romane und Novellen kann dort besichtigt werden.

Heimatmuseum Nebra mit Hedwig-Courths-Mahler-Archiv © Copyright Karl-Heinz Hänel

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Auch ihr Büro mit Schreibmaschine, Tisch und Notizen bietet interessante Einblicke in ihre Arbeitswelt. Drumherum gruppiert sich auf Wänden, Fensterbänken, in Nischen und Vitrinen eine Fülle persönlicher Gegenstände und Dokumente wie Bilder, Fotografien, Urkunden und Drucke, aber auch Kaffee- und Essgeschirr und allerlei Hausrat und Mitbringsel. Eine Begegnung, die nicht nur Fans begeistert.

Heimatmuseum Nebra mit Hedwig-Courths-Mahler-Archiv © Copyright Karl-Heinz Hänel

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Ihr kometenhafter Aufstieg klingt wie ein Story aus ihrer eigenen Feder: Sie wuchs in ärmlichen Verhältnissen in Nebra auf, empfing auf dem Höhepunkt ihrer Karriere in ihrem Berliner Salon dieKultur- und Filmprominenz der Zwanziger und Dreißiger und zog sich 1935 in ihrer Villa “Mutterhof“ am Tegernsee aus der Öffentlichkeit zurück.

Hedwig-Courths-Mahler-Archiv

im Hedwig Courths-Mahler-Archiv © Copyright Karl-Heinz Hänel

Ihre Neigung zum Schreiben verdankt sie ihrer Mutter, die Hedwig mit 14 Jahren wieder in ihre Obhut nahm. Als Dienstmagd und Vorleserin einer vornehmen Familie vermittelte sie der Dame des Hauses den Zugang zur zeitgenössischen Literatur. Hedwig hörte stets begeistert mit, wenn Mutter aus der „Gartenlaube“ zitierte. Das „Illustrirte Familienblatt“ war mit einer Topauflage von 400.000 das erste reichsweite Massenmagazin. Seit der Gründung 1853 hatte es zahlreichen Schriftstellern wie Fontane, Gerstäcker oder Rückert den Weg in die Popularität geebnet.

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im Hedwig Courths-Mahler-Archiv © Copyright Karl-Heinz Hänel

Hedwig verschlang die Herz-Schmerz-Romane der Gartenlaube Starautorin Eugenie Marlitt (1825-1887) und orientierte sich am Stil ihres Erfolgstitels „Die Goldelse“.
Hedwig schrieb wie besessen. Tagsüber verkaufte sie Seidenbänder in einem Geschäft in Leipzig, nachts formulierte sie ihre Geschichten im Kerzenschein. Meist kamen sie postwendend von den Redaktionen zurück. Erst der Chef des „Chemnitzer Tagblattes“ entdeckte das aufstrebende Talent: „Was sie schreibt über Liebe, Treue und Träume wollen Tausende lesen. Wie sie schreibt, mit Seele, Herz und Gemüt, das ist einmalig, unnachahmlich.“ 1905 kam der Durchbruch, verpflichtete sie sich, zehn Jahre mindestens drei Romane für je 100 Mark Honorar abzuliefern. Ihr Mann, der Dekorationsmaler Fritz Mahler, gestaltet die Einbände. Doch ihre Arbeit war viel mehr wert. So wechselte sie zum Rotbarth Verlag in Leipzig, der für die ersten 3000 Exemplare die stolze Summe von je 350 und 150 Mark für jedes weitere Tausend zahlte.

Heimatmuseum Nebra mit Hedwig-Courths-Mahler-Archiv © Copyright Karl-Heinz Hänel

Heimatmuseum Nebra mit Hedwig Courths-Mahler-Archiv © Copyright Karl-Heinz Hänel

Mit dem Erscheinen des Romans „Die wilde Ursula“ (1912) ging es unaufhaltsam bergauf. 116.670 Exemplare waren in kurzer Zeit vergriffen, ebenso wie das nächste Buch „Ich lasse dich nicht!“, das auch verfilmt wurde. Die Millionengrenze um mehr als 100.000 knackte „Die schöne Unbekannte“ (Erstauflage im Kriegsjahr 1918).

Heimatmuseum Nebra mit Hedwig-Courths-Mahler-Archiv © Copyright Karl-Heinz Hänel

Heimatmuseum Nebra mit Hedwig Courths-Mahler-Archiv © Copyright Karl-Heinz Hänel

Das 3. Reich engte ihre Arbeit ein. Sie widersetzte sich der Anordnung der Nazis, ihre adligen Romanfiguren dem neuen Menschenbild anzupassen und sandte den Fragebogen der Reichsschrifttumkammer unausgefüllt zurück. 1935 verabschiedete sich von Berlin. Fortan wurde der „Mutterhof“ in Tegernsee zum neuen Mittelpunkt der Familie. Tochter Elfriede Birkner, die in die Fußstapfen ihrer Mutter getreten war, erhielt Schreibverbot und 1942 wegen Vergehens gegen das „Heimtücke-Gesetz“ Gefängnishaft. Ein jüdischer Schwiegersohn, der Musikverleger Anton Bock, starb im Konzentrationslager Saarstedt. 1948 erschien mit „Flucht in den Frieden“ ihr letzter Opus. Er durfte wie auch alle anderen Bücher in der DDR nicht verbreitet werden. Ihre Beerdigung erfolgte in aller Stille. Sie hatte strikt darauf bestanden, dass niemand ihren Sarg begleiten sollte. In ihrem Tagebuch fanden sich noch Notizen für 200 weitere Romane. Mit einer Prise Humor würzte sie ihre Persönlichkeit: „Ich bin die berüchtigte Courths-Mahler, die das Happy-End erfunden hat.“

Heimatmuseum Nebra mit Hedwig-Courths-Mahler-Archiv © Copyright Karl-Heinz Hänel

Heimatmuseum Nebra mit Hedwig Courths-Mahler-Archiv © Copyright Karl-Heinz Hänel

Übrigens: Noch eine Gemeinsamkeit teilte sie mit ihrem literarischen Vorbild. Auch Marlitts Bücher waren in der DDR verboten. Begründung der Zensoren: Sie predigte den Untertanengeist…

Heimatmuseum Nebra mit Hedwig-Courths-Mahler-Archiv © Copyright Karl-Heinz Hänel

Heimatmuseum Nebra mit Hedwig Courths-Mahler-Archiv © Copyright Karl-Heinz Hänel

Das Heimatmuseum in Nebra-Thüringen, in dem auch das Hedwig Courth-Mahler-Archiv untergebracht ist, freut sich über jeden Besucher, wird ehrenamtlich betreut, darum gibt es weder Website noch email-Adresse, Öffnungszeiten: Di–So/Feiertage 14.00–16.00 Uhr, oder nach Vereinbarung, dafür bitte kurz vorher anrufen Tel.: 0 34 46 1/2 29 70
Das Heimathaus / Heimatmuseum von Nebra ist in der Promenade 13, in 06642 Nebra

Text © Copyright: Karl-Hugo Dierichs Fotos © Copyright: Karl-Heinz Hänel

Die ganze Geschichte rund um Hedwig-Courths-Mahler

Sonst noch auf der Straße der Romanik und der Weinstraße Saale-Unstrut

Mit freundlicher Unterstützung von www.saale-unstrut-tourismus.de

Über Karl-Heinz Hänel

Ich bin freier Reise- und Bild-Journalist, ein PR-Multiplikator, unterhalte meine Leser mit Product Placement und erzähle Geschichten in Wort und Bild, die ich selbst erlebt habe. Dafür bin ich redaktionell verantwortlich. Alle Angaben gemäß § 5 TMG finden Sie im Impressum und in meiner Vita
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