Das ist ja alles nur geklaut… (Song: Die Prinzen)

Benjamin Piel  wehrt sich gegen die Träger der falschen Federn! Lokaljournalisten können nichts als Schützenvereine, Kaninchenzüchter und Männerchöre. Das ist Unsinn, aber gängiges Klischee. Leider sind es nicht selten die Kollegen der vermeintlich bedeutsameren überregionalen Medien, die das Bild des banalen Lokaljournalisten unterschwellig fördern. Ein kress-Gastbeitrag von Benjamin Piel, Chefredakteur „Mindener Tageblatt“.

Ein aktuelles Beispiel: Die Tageszeitung „Die Welt“ hat kürzlich erst online, dann gedruckt den Fall der Inderin Shreya nacherzählt. Das „Mindener Tageblatt“ hatte im Juli herausgefunden, dass die Germanistik-Studentin fälschlicherweise für die Spionin einer Diebesbande gehalten worden war. Eigentlich hatte sie bloß deutsche Architektur fotografieren wollen, doch im Netz brach die Hetze los. Eine unserer Redakteurinnen spürte Shreya auf und löste den Fall. Ordentliche Arbeit – so weit, so normal.

Der Haken an der Sache: In der „Welt“ war vom „Mindener Tageblatt“ als Ursprungsquelle der Geschichte keine Rede mehr. Der Text wirkte, als hätte ihn die „Welt“-Redakteurin recherchiert. Nun sind wir gewiss nicht eitel und die Sache ließe sich schnell abhaken, hätte das Ganze nicht System. Es läuft immer gleich und so gut wie jeder Lokaljournalist kennt das. Das Medium vor Ort recherchiert zeitaufwändig eine spannende Geschichte, ein Regionalmagazin der Öffentlich-Rechtlichen übernimmt die Geschichte, ohne den Namen der Ursprungsquelle zu nennen. So wandert das Thema schließlich zu einer Nachrichtenagentur, von dort in zahlreiche Zeitungen und kommt schließlich bei nationalen Medien wie „Spiegel Online“ an – natürlich ohne Hinweis darauf, wer die Geschichte tatsächlich recherchiert hat. So entsteht für die breite Öffentlichkeit der falsche Eindruck, dass die nationalen Titel die spannenden Themen haben und die Lokalmedien in der Bedeutungslosigkeit herumdümpeln.

Das ist gefährlich, weil die Realität Anlass zur Vermutung gibt, dass es mitunter durchaus auch andersherum sein könnte. Ausgerechnet bei den Öffentlich-Rechtlichen, die die Gebührenzahler, ob sie wollen oder nicht, mit sehr viel Geld ausstatten, sitzen Kräfte, die die Lokalzeitungen auf Themensuche durchforsten. Daraus werden Fernseh- und Radiobeiträge, in denen diejenigen, die den schwierigsten Teil der journalistischen Arbeit geleistet haben, nicht mehr vorkommen. Auf diesem Wege bedienen sich gebührenfinanzierte Medien kostenlos ausgerechnet bei jener Konkurrenz, die sich dem Wettbewerb des Marktes stellt.

Das mag im juristischen Sinne in Ordnung sein, ist es im kollegialen Sinne aber nicht. Denn wenn Regionale und Überregionale verschweigen, dass die Lokalen geleistet haben, was die Regionalen und Überregionalen nun nur weitererzählen, dann stärkt das den Eindruck, dass Lokaljournalismus genau das ist, was er per Klischee zu sein scheint: Trottelarbeit aus dem Reich der Kaninchenzüchterunendlichkeit. Wer dieses Bild indirekt stützt und denen, die es eigentlich verdient hätten, die Chance nimmt, das Stereotyp durch gute Arbeit vor den Augen einer möglichst breiten Öffentlichkeit zu durchbrechen, der handelt verwerflich. Wer das eine Lappalie nennt, der weiß nichts von dem Gefühl, für harte Arbeit ignoriert zu werden. Wenn Kollegen auf dem Rücken tagelang Arbeitender ihre deshalb sehr viel zügigere Arbeit aussehen lassen wie ein prächtiges Werk, dann ist das kein Kavaliersdelikt. Statt Dank für die Vorarbeit gibt es die Ohrfeige der Nichtnennung gratis. Das passiert nicht gelegentlich, sondern täglich. Und es schmerzt.

Der „Borkener Zeitung“ erging es kürzlich genauso. Die Journalisten hatten herausgefunden, dass ein katholisches Gymnasium einen Referendar nicht übernehmen wollte, weil dieser seinen Freund heiraten will. Ohne die Zeitung wäre der Fall ebenso wenig ans Licht gekommen wie Shreyas Geschichte in Minden. Doch statt Dank gab es auch hier Ignoranz: Der WDR erwähnte die Erstquelle nicht, nachdem „Spiegel Online“ den Fall aufgriff, wurde er deutschlandweit zum Thema. Und wer wurde überall als glorreiche Quelle genannt? Klar: „Spiegel Online“.

Wo das an der Tagesordnung ist, da sind Lokaljournalisten dazu verdammt, als vertrottelte Wenignutze durch die Welt zu stolpern. Damit muss Schluss sein. Das ist nur zu erreichen, wenn die Lokalen sich auf allen digitalen Kanälen, die glücklicherweise reichlich zur Verfügung stehen, aus der aufgedrängten Sprachlosigkeit zur entschlossenen Gegenwehr finden. Wehrt euch gegen die Träger der falschen Federn!

Übrigens: In Ihrem Onlinebeitrag hat die „Welt“ das „Mindener Tageblatt“ als Quelle der Geschichte ergänzt. Es lohnt sich, das Blame Game zu spielen!

Über Karl-Heinz Hänel

Ich bin freier Reise- und Bild-Journalist, ein PR-Multiplikator, unterhalte meine Leser mit Product Placement und erzähle Geschichten in Wort und Bild, die ich selbst erlebt habe. Dafür bin ich redaktionell verantwortlich. Alle Angaben gemäß § 5 TMG finden Sie im Impressum und in meiner Vita
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