Vom Mythos des Backpackings von Mariel McLaughlin

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Reisen verheißen heute transzendente Erfahrungen…

Insbesondere Fernreisen verheißen heute transzendente Erfahrungen: Wir können Andere werden, Anderen begegnen, unsere Grenzen kennenlernen und überwinden. Doch die Sehnsüchte sind unerfüllbar und basieren auf kolonialistischen Mustern.


Mit ihrer Reise quer durch Südamerika wollte Mariel McLaughlin sich verändern. Begegnungen mit unberührten Kulturen, der Kampf gegen Unwetter und widrige Situationen, von all dem versprach sie sich eine einschneidende Erfahrung, zumindest aber eine attraktive Station im Lebenslauf.
Doch McLaughlin stellte ernüchtert fest: Auf Reisen nimmt sie sich immer selbst mit. Die Einheimischen bleiben Fremde und spiegeln ihr nur ihren exotisierenden Blick wider. Grand Tours, Hippie Trails damals und Backpacker-Reisen heute folgen alle tiefen kolonialistischen Mustern. Reisen hält nicht, was es verspricht – aber es erschüttert auf unerwartete Weise.

Erstes Versprechen: Auf Reisen wird man eine andere

Ob ein Versprechen gehalten wurde, weiß man meistens erst zum Schluss. Ich möchte daher da anfangen, wo das Reisen schon fast vorbei zu sein scheint: beim Nachhausekommen. Nach einer neunmonatigen Reise durch Südamerika war ich recht ernüchtert zu einer Schlussfolgerung gelangt: Reisen, so banalisierte ich es danach gerne, ist doch nur die Organisation von Schlafen, Essen und Transport – unter erschwerten Bedingungen, an einem anderen Ort. Das Reisen, so fühlte ich, hatte sein Versprechen nicht eingelöst. Was es mir versprochen hatte, war, dass ich losziehen und als eine andere zurückkehren würde. Es hatte mir versprochen, dass ich Teile von mir, die mein Leben erschwerten, unterwegs fallen lassen, neue dagegen auflesen und mit nach Hause bringen könnte. Stattdessen hatte ich aber nur fünf Liter argentinischen Rotwein und eine Binsenweisheit im Gepäck: Man nimmt sich selbst immer mit. Auf Reisen wurde ich also erst mal keine andere. Wieso war ich aber mit einer gegenteiligen Überzeugung ausgezogen? Ich möchte mich an einer Antwort in Fragmenten versuchen.

Die brasilianische Sonne versengte mir den Nacken, in meine verbrannte Haut schnitten die Träger meines viel zu schweren Rucksacks, unter dessen Gewicht ich aus meinen ausgetretenen Sandalen zu rutschen drohte – und ich hoffte auf Transzendenz. Zumindest interpretiere ich die Anstrengungen, die ich unternahm, in der Retrospektive so. Ich würde am nächsten Tag Bauwerke und Ausstellungsstücke betrachten. Ich würde in den kommenden Wochen Strände, Wasserfälle und Berge besuchen. Und ich hoffte, dass sie alle etwas in mir verändern, sich in mich einschreiben würden. Ich hoffte auf eine Durchlässigkeit zwischen der äußeren Welt und meiner persönlichen Erfahrungswelt.

Mariel McLaughlin, geboren 1993, studierte Empirische Kulturwissenschaften an der LMU München. Aktuell schließt sie ihr Studium der Theater-, Film und Medienwissenschaft an der Universität Wien ab. Journalistisch war sie bisher für die Süddeutsche Zeitung und Neon tätig.


Was auf die einsame Insel mitnehmen, damit es nie langweilig wird? Wie wäre es mit „Die Dinge des Lebens“, dem Essay-, Hörspiel- und Featureprogramm für den Sommer? In 13 Kapiteln geht es hier um alle großen Lebens-Themen: um Kindheit, Liebe, Drogen, Familie, Sex, Reisen und zuletzt auch um den Tod. Um Anfänge und Abschiede. Und um alles, was dazwischen passiert. „Die Dinge des Lebens“ ist eine Sendereihe in Deutschlandfunk und Deutschlandfunk Kultur von Anfang Juli bis Ende September 2023. Quelle: Deutschlandfunk

Über Karl-Heinz Hänel

Ich bin freier Reise- und Bild-Journalist, ein PR-Multiplikator, unterhalte meine Leser mit Product Placement und erzähle Geschichten in Wort und Bild, die ich selbst erlebt habe. Dafür bin ich redaktionell verantwortlich. Alle Angaben gemäß § 5 TMG finden Sie im Impressum und in meiner Vita
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